Impressionen aus dem Haniel-Museum
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Haus voller Geheimnisse
Franz Haniel wird immer 1779 geboren und 1868 gestorben sein; insofern nahm Bernhard Weber-Brosamer die Leitung des Haniel-Museums 1993 als Job auf Zeit: "Ich dachte, immer dieselbe Geschichte zu erzählen, wie lange werde ich das aushalten?"
Inzwischen ist Weber-Brosamer zwölf Jahre dabei, weit länger, als er annahm; und obgleich sich die biografischen Eckdaten des Unternehmers Haniel erwartungsgemäß nicht mehr änderten, erzählt er keineswegs immer dieselbe Geschichte. Das hat mit diesem Haus in Duisburg zu tun, das bald 250 Jahre alt wird und bis heute voller kleiner Geheimnisse steckt:
Wie zum Beispiel kam ein Salz, das nur in Pferdefutter verwendet wird, in den Unterputz? Und warum, um Himmels willen, hat es wohl ein Dach, unter dem es eigentlich längst hätte zusammenbrechen müssen? Müssen, jawohl!
Franz Haniel war einer der Gründerväter der Ruhrgebietsindustrie: Kohlen, Hütten, Schifffahrt, Spedition . . . Heute bewegt die Firma sich längst auf andern Feldern, feiert aber im Frühjahr 2006 ihr 250-jähriges Bestehen. Dabei handelt es sich ein bisschen um ein willkürliches Jubiläum, denn handelnde Haniels gab es schon vor mehr als 250 Jahren, und Franz wiederum ist jünger.
Den Anlass gibt also das Baujahr dieses Haniel´schen Packhauses her: Ein Großvater des Patrons baute es 1756; symmetrisch, klassizistisch und inzwischen längst denkmalgeschützt. Lager, Wohnhaus, Bürohaus, Casino, wurde es bis in die 1990er Jahre genutzt und verwandelte sich nebenbei Stück um Stück ins Haniel-Museum; ja man kann schreiben, dass das Museum das Haus eroberte: Erst waren es ein paar Vitrinen im Flur, dann einige Räume, jetzt ist es Museum durch und durch. Mit einem eigenen Leiter, eben dem 52-jährigen Weber-Brosamer, der bis zum Jubiläum noch das eine oder andere Rätsel löst. Man will ja schließlich eine anständige Chronik vorlegen!
"Immer, wenn hier restauriert wird, renne ich mit einer Kamera herum und filme Wände", sagt der Kunsthistoriker: auf der Suche nach Spuren eines Umbaus. So ist er schon dem Speisezimmer dahingehend auf die Schliche gekommen, dass es ursprünglich nicht so groß gewesen sein kann wie heute. Doch was er dort erwartete, eine Art Durchfahrt oder Gewölbe, dafür fand sich auch wieder kein Indiz: "Da war kein Türsturz, wo er hätte sein müssen." Rätsel Speisezimmer!
Und auch der Putz an einer Seite warf - buchstäblich - Fragen auf: Der neue platzte nämlich immer wieder ab, neu verputzt, neu abgeplatzt, bis ein Bau-Chemiker auftrat. Der fand im Unterputz dieses Pferdefutter-Salz, und jetzt soll Weber-Brosamer entscheiden, ob dort mal ein Pferdestall war oder ein Salzlager. Des Rätsels Lösung dürfte die dritte sein: "Wahrscheinlich war dort Pferdefutter gelagert, das Salz ist dem Futter entwichen und in die Wände gezogen." Rätsel Pferdesalz!
Davon ab, hält der Putz ohne Salz deutlich besser. Museumsbesucher sehen davon natürlich nichts. Sie bekommen auf vier Etagen die Geschichte Franz Haniels geboten, dazu die Geschichte der Firma und noch dazu eine Industriegeschichte des Ruhrgebiets: mit Ölbildern und Werkzeug, Büro- und Wohnmöbeln, Aufzeichnungen, einer historischen Bibliothek und vielem mehr.
Nichts davon steht unter Glas, allerdings sind Besuche auch nur auf Anmeldung möglich (Tel: 0203 - 80 62 42). Das sei "fast einmalig", sagt der Kunsthistoriker: "Ein Originalhaus mit Originaldingen im Originalzustand!" Obwohl wir ja schon gesehen haben, am Originalzustand arbeitet er noch.
Welche Räume meinte Franz Haniel bloß, als er schrieb, man habe "die drei Stuben zum Hof hin" bewohnt. Die Beweisführung führt jetzt zu weit, aber eigentlich spricht alles für die erste Etage. Die Dachkonstruktion hingegen ist ein origineller Originalzustand - man weiß nur nicht, wieso. Das ist nämlich geformt wie eine gewaltige Wanne, also in der Mitte vertieft. Die Folge: Regen sammelte sich und floss schlecht ab, Schnee lastete mächtig auf dem Haus.Mag sein, es wurde so gebaut, um den Ladekran unter dem Dach zu stabilisieren. "Aber alle Architekten, mit denen ich darüber gesprochen habe, haben nur den Kopf geschüttelt", sagt Weber-Brosamer: "Nach meinen Berechnungen müsste das Haus schon vor 200 Jahren eingestürzt sein." Aber jetzt, nach zwölf Jahren, werde alles noch mal spannender: "Jetzt gehen wir wegen der Chronik in die Archive außerhalb. Hoch spannend."
20.09.2005 Von Hubert Wolf - WAZ Duisburg

